Interview von Radio Grischa mit Pfarrer David Last, Dezember 2008
Könnten Sie die Lehre von Calvin erklären?
Johannes Calvin geht aus von dem Gedanken, dass Gott heilig und absolut souverän ist; d.h. Gott ist ungebunden, frei, braucht sich selbst nicht zu rechtfertigen.
Gott bindet sich an die Menschen – in liebender Freiheit.
4 mal ertönt dabei das Wort „allein“:
allein durch Jesus Christus habe ich Mensch Zugang zu Gott – ich brauche hierzu keine Priester, keine Vermittler;
davon höre ich allein aus der Heiligen Schrift – die Bibel erklärt sich selbst, es braucht keine „Chef-Interpreten“, keine sonstigen Autoritäten;
ich erfasse Jesus Christus allein im Glauben; gute Taten bringen mich nicht in den Himmel, sie gehören nicht mir, sondern sie sollen dem Mitmenschen zugute kommen;
all dies wird gewirkt allein durch Gottes Gnade – der Mensch, der bei Gott Gemeinschaft gefunden hat, soll sich darauf nichts einbilden, sondern soll aus Dankbarkeit heraus leben.
War er Luthers grösster Schüler?
Er war ein eigenständiger Schüler Luthers, der dessen Grundeinsichten weiterentwickelte.
Beispielsweise war Martin Luther an der Frage, wie eine Kirche im Innern organisiert ist, wie sie verfasst ist, überhaupt nicht interessiert, Calvin hingegen sehr wohl. Von Haus aus Jurist, hatte er ein feines Gespür für Detailfragen, die er im Lichte des Evangeliums geregelt sehen wollte.
Über Luther ging Calvin in manchen Punkten hinaus: z.B. wenn er „die Beharrlichkeit der Heiligen“ behauptete und diese so erklärte, dass es unmöglich sei, dass der Mensch – einmal von Gott in der Ewigkeit erwählt – aus der Gnade wieder herausfallen könne.
Calvin war ein Eiferer – ein Eiferer für Gottes unwiderstehliche Gnade.
Der Eifer imponiert – aber vielleicht steckt er nicht so an wie Luthers Glaubensfreude.
Wird der Calvinismus heute noch praktiziert?
Auf einen –ismus wie Calvinismus sollten wir verzichten, Calvin selbst hätte sich dagegen verwahrt; so wenig wie Luther Lutheraner wollte, lag ihm an Calvinisten.
Dass Calvin und sein Erbe lebendig sind, beweisen die Feierlichkeiten zu seinem 500. Geburtstag im kommenden Jahr.
U.a. wurde über einen Wettbewerb ein internationales Calvinlied gedichtet und komponiert: „People of the lord“.
80 Millionen Christen berufen sich auf sein Erbe - welches Erbe ?
Diese 80 Millionen verteilen sich über die ganze Welt. Und dies ist bereits ein Erbe: ein Christentum, das sich auf Calvin beruft, ist ökumenisch, die ganze Erde liegt ihm am Herzen, es ist – im ursprünglichen Wortsinn – katholisch, also „weltumfassend, allgemein, keine Sondergruppe, keine Sekte“.
Was in calvinistischen Kirchgemeinden bis heute sowohl irritieren als auch faszinieren kann, ist die Schlichtheit der Liturgie, der feierliche Ernst des Gottesdienstes, der spezielle Psalmengesang.
Hat er in Genf einen Gottesstaat errichtet mit Sittenwächtern usw?
Calvin lag viel an einer Trennung von Staat und Kirche, allerdings sollten beide mit unterschiedlichen Aufgaben aufeinander bezogen sein.
Der Staat, also z.B. die Genfer Bürgerschaft, sollte dafür sorgen, dass die erste Tafel der 10 Gebote eingehalten wird: das hiess z.B., der Sonntag sollte heilig gehalten werden, der Name Gott sollte nicht öffentlich in den Dreck gezogen werden, die zur Schau gestellte Vergötzung von Materiellem war untersagt. Dies geschah aus Sorge um das äussere Wohlergehen der Stadt, des Gemeinwesens.
Für das innere Heilwerden des Menschen hatte aber nur die Kirche besorgt zu sein: durch Predigt, Unterricht, Seelsorge, Kirchenzucht.
Wie sah seine strenge Kirchenzucht aus?
Kirchenzucht – ein Wort mit einem für heutige Ohren unschönen Klang – hatte bei Calvin in erster Linie immer eine seelsorgliche Dimension. Es ging darum, in der Aussprache etwa unter Streithähnen Versöhnung zu bewirken, Zukunft zu erschliessen, gemeinsam wieder den Weg des Lebens zu betreten.
Wer sich der Versöhnung standhaft verweigerte und die Gemeinschaft missachtete, konnte vom Abendmahl ausgeschlossen werden.
Wer an Calvin und Kirchenzucht denkt, hat häufig die Verbrennung des Arztes Servet als Ketzer 1553 vor Augen. Doch Calvin war – ohne irgendetwas beschönigen zu wollen – an dem ganzen Prozess nur am Rande beteiligt und keine treibende Kraft. Es war ein Justizverfahren, das damals politisch gewollt war und – leider – ohne Besonderheiten streng nach damaligem Recht durchgeführt wurde.
Hat der Calvinismus in der heutigen Zeit noch eine Bedeutung ?
Ja, z.B. hat er mit seinem Grundgedanken, dass Kirche nicht hierarchisch aufgebaut ist, sondern unter dem souveränen Gott nur kollegial geführt werden darf, eine besondere Strahlkraft – gerade auch in Ländern mit jungen Demokratiebewegungen.
Dort sind nicht selten reformierte Gemeinden, die Calvin zu ihrem Erbe zählen, Leuchttürme der Hoffnung.
Mit welcher Person der Neuzeit könnte Calvin verglichen werden ?
Der Schriftsteller Stefan Zweig hat in den 30iger Jahren des vorigen Jahrhunderts Calvin als einen Despoten geschildert, als unnachgiebigen Tyrannen und ihn damit indirekt auf Adolf Hitler bezogen.
Damit tat er Calvin sicherlich schwer Unrecht. Calvin ist das Gegenteil eines Egomanen. Er verzehrte sich ja regelrecht für das ihm anvertraute Genf und die vielen jungen Gemeinden.
Calvin bleibt ein Original, bleibt sperrig, ist uns Heutigen in vielem fremd und spricht doch in erstaunlicher Lebendigkeit nach einem halben Jahrtausend in unsere Gegenwart.
In seinem Glaubensernst und seiner Sorge sowohl um Gottes Heiligkeit als auch um das Gemeinwohl könnte er durchaus mit Dietrich Bonhoeffer verglichen werden. Allerdings hat er nicht das Martyrium erlitten wie dieser und ist vielleicht auch deshalb nicht so populär.
Aber eine grosse Gestalt des Protestantismus und überhaupt des Christentums ist er allemal.